Von | 10. März 2020


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Durch das Gesetz zur strukturellen Weiterentwicklung der Pflegeversicherung, kurz Pflege-Weiterentwicklungsgesetz (PfWG) sind zugelassene Pflegeeinrichtungen bereits seit dem 01.Juli 2008 gesetzlich dazu verpflichtet, Expertenstandards in der Pflege anzuwenden, sobald diese im Bundesanzeiger offiziell veröffentlicht wurden. Bislang ist es jedoch nicht zu einer Veröffentlichung gekommen. Sind Expertenstandards trotzdem verbindlich? Müssen Fortbildungen dazu stattfinden?

Dieser Artikel soll Ihnen einen Überblick über Expertenstandards geben und erläutern, weshalb Sie in jedem Fortbildungskatalog auftauchen sollten oder sogar müssen.

Was sind die Expertenstandards?

Expertenstandards stellen den aktuellen Wissens- und Forschungsstand zum jeweiligen Pflege‑Thema dar. Sie werden vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) herausgegeben. Das DNQP ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Vertreter*innen der Pflege mit dem Ziel, die Pflegequalität zu erhöhen.

Für jeden Expertenstandard wird ein Team gebildet, das sich aus unabhängigen Expert*innen aus Pflegewissenschaft, -lehre, -management und aus der ‑praxis zusammensetzt. Bei jedem Expertenstandard gibt es eine wissenschaftliche Leitung, die verantwortlich ist für das wissenschaftliche Niveau des Expertenstandards.

Für die Koordination der verschiedenen wissenschaftlichen Expertenstandard-Projekte und die anschließende Veröffentlichung gibt es ein wissenschaftliches Team an der Hochschule Osnabrück, das die Expert*innengruppe unterstützt.

Entstehungsprozess eines Expertenstandards

Ein Expertenstandard wird in vier Phasen geschaffen, die im Folgenden in Kurzform beschrieben werden.

Entwicklung

Nachdem ein relevantes Thema gefunden wurde, wird eine systematische Literaturrecherche geplant und durchgeführt. Dabei werden alle relevanten Veröffentlichungen zum Thema gesichtet und nach verschiedenen vorher definierten Kriterien von der unabhängigen Expert*innengruppe bewertet. Das Ergebnis dieser Bewertung und der folgenden Diskussion der Expert*innengruppe ist die Basis für den Expertenstandard. Die einzelnen Punkte werden schriftlich kommentiert und die Literaturauswahl wird schriftlich begründet. Daraus ergibt sich ein erster Expertenstandard-Entwurf.

Konsentierung

In der Konsentierung wird der Fachöffentlichkeit der erste Entwurf des Expertenstandards im Rahmen von verschiedenen Konferenzen vorgestellt. Bei diesen Konferenzen ist es Pflegepersonen aus Wissenschaft und Praxis möglich, die vorgestellten Ergebnisse ebenfalls zu kommentieren und durch eigenes Wissen zu ergänzen. Die Ergebnisse dieser Konsensus‑Konferenzen und weitere schriftliche Stellungnahmen werden abschließend von der Expert*innengruppe diskutiert und der Expertenstandard wird ggf. angepasst. Danach wird der Expertenstandard als Sonderdruck veröffentlicht, weil in dieser Version die Ergebnisse der modellhaften Implementierung fehlen.

Implementierung

Nach der Veröffentlichung wird der Expertenstandard in ca. 25 unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen erprobt. Dies erfolgt nach einem standardisierten Konzept und soll die Akzeptanz und Praxistauglichkeit des Expertenstandards prüfen. Außerdem werden Erkenntnisse über die Voraussetzungen für eine nachhaltige Einführung des Expertenstandards in verschiedenen Settings gewonnen. Dies kann zu weiteren Anpassungen des Expertenstandards führen.

Der Expertenstandard wird nun mit allen Bestandteilen abschließend veröffentlicht.

Aktualisierung

Eine erste Aktualisierung erfolgt spätestens fünf Jahre nach der abschließenden Veröffentlichung. Falls es bereits eine erste Aktualisierung gab, verlängert sich die Frist auf sieben Jahre. In Ausnahmefällen können Aktualisierungen auch vorgezogen werden.

Aufbau eines Expertenstandards

Jeder Expertenstandard ist gleich aufgebaut und unterteilt sich im Wesentlichen in die folgenden Bereiche:

Strukturkriterien

Sie beschreiben die strukturellen Voraussetzungen, die vorhanden sein müssen, um die Expertenstandards umsetzen zu können. Hierbei wird unterschieden in

  1. Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten der Pflegefachkräfte und
  2. Ressourcen und Rahmenbedingungen, die die Einrichtung zur Verfügung stellen muss.

Prozesskriterien

Sie beschreiben, wie Sie als Pflegefachkraft den Expertenstandard umsetzen können und welche Ressourcen und Kompetenzen Sie dafür benötigen.

Ergebniskriterien

Sie beschreiben die Ergebnisse, an denen man die gelungene Umsetzung des Expertenstandards erkennt.

Format der Expertenstandards

Der wesentliche Teil eines Expertenstandards ist die Darstellung der Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien anhand einer einseitigen Matrix. Diese sind als Teil der Auszüge aus dem Expertenstandard auf der Seite des DNQP frei einsehbar und können heruntergeladen werden. Die zusammenfassende Matrix beinhaltet zwar die wichtigsten Aussagen, liefert aber keine Erklärungen zu den verschiedenen Punkten. Nur die abschließenden Veröffentlichungen des Expertenstandards beinhalten alle folgenden Bestandteile:

  • Bericht über Entwicklung und Konsentierung des Expertenstandards,
  • den Expertenstandard mit Kommentierung der Standardkriterien,
  • die Literaturstudie,
  • den Bericht über die Implementierung und
  • das Auditinstrument für das interne Qualitätsmanagement von Einrichtungen.

Die kompletten Expertenstandards sind nicht frei verfügbar, sondern müssen kostenpflichtig online beim DNQP bestellt werden (pro Exemplar 15,50 € – 29,00 €).

Welche Expertenstandards gibt es bereits?

  • Dekubitusprophylaxe in der Pflege
  • Entlassungsmanagement in der Pflege
  • Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen
  • Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen
  • Sturzprophylaxe in der Pflege
  • Förderung der Harnkontinenz in der Pflege
  • Pflege von Menschen mit chronischen Wunden
  • Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege
  • Förderung der physiologischen Geburt
  • Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz
  • Erhaltung und Förderung der Mobilität – dieser wurde im Juni 2014 an den GKV-Spitzenverband übergeben.

Expertenstandards als verbindliche (Pflicht-) Fortbildung?

Rechtlich verbindlich

Expertenstandards müssen im Bundesanzeiger veröffentlicht sein, um rechtlich verbindlich zu sein (§ 133a (3) SGB XI). Bisher wurde jedoch kein Expertenstandard im Bundesanzeiger veröffentlicht. Der Versuch eines Expertenstandards nach § 113a SGB XI war der Expertenstandard zur Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege. Dieser wurde vom DNQP entwickelt und kann als Abschlussbericht auf den Seiten des GKV-Spitzenverbands heruntergeladen werden. Es ist nicht ersichtlich, warum der Prozess nicht abgeschlossen wurde. Auf eine Nachfrage bezüglich des Entwicklungsstands des Expertenstandards hat der GKV-Spitzenverband bisher nicht reagiert.

Nach § 113a SGB XI sind die bisherigen Expertenstandards des DNQP nicht rechtlich verbindlich. Allerdings muss in Pflegeeinrichtungen nach dem allgemein anerkannten Stand medizinisch-pflegerischer Erkenntnisse gearbeitet werden (§ 11 (1) SGB XI).

MDK-Prüfung

Laut dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen spiegeln Expertenstandards des DNQP den aktuellsten Stand der Pflegeforschung und -expertise wider. Deshalb heißt es in den Richtlinien des GKV-Spitzenverbands von 2017 auf Seite 18:

„Auch wenn die bisherigen Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege keine direkte gesetzlich definierte Verbindlichkeit nach § 113a SGB XI für die Pflegekräfte und Pflegeeinrichtungen entfalten, können die Expertenstandards dennoch als „vorweggenommene Sachverständigengutachten“ gewertet werden, die bei juristischen Auseinandersetzungen als Maßstab zur Beurteilung des aktuellen Standes der medizinisch-pflegewissenschaftlichen Erkenntnisse herangezogen werden.“

Fazit

Expertenstandards spiegeln den aktuellsten Stand medizinisch-pflegerischer Erkenntnisse wider und werden deshalb als Referenz für Begutachtungen durch den MDK, bei Schadensfällen, Beschwerden oder Klagen verwendet.

Die Inhalte der Expertenstandards sind deshalb auch Bestandteil der pflegerischen Ausbildung und sollten regelmäßig im Rahmen von Fortbildungen wiederholt werden, um neue Standards und Aktualisierungen von Standards nicht zu verpassen und das eigene pflegerische Handeln zu reflektieren.

Literatur

  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2019a): Methodisches Vorgehen zur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards in der Pflege und zur Entwicklung von Indikatoren zur Pflegequalität auf Basis von Expertenstandards, DNQP (Hrsg.), Osnabrück, Juni 2019
  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2019b): Übersicht über die Expertenstandards des DNQP; Stand: August 2019
  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2017): [Auszug aus] Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege – 2. Aktualisierung 2017
  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2014): Expertenstandard nach § 113a SGB XI Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege – Abschlussbericht
  • GKV-Spitzenverband (2017): Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes über die Prüfung der in Pflegeeinrichtungen erbrachten Leistungen und deren Qualität nach § 114 SGB XI (Qualitätsprüfungs-Richtlinien – QPR) vom 27. September 2017
  • Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. (MDS) & GKV-Spitzenverband (2019): Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes für die Qualitätsprüfung in Pflegeeinrichtungen nach $ 114 SGB XI – Vollstationäre Pflege
  • Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. (MDS) & GKV-Spitzenverband (2018): Qualitätsprüfungs-Richtlinien Transparenzvereinbarung – Grundlagen der Qualitätsprüfungen nach den §§ 114 ff SGB XI – Teil 2 – Stationäre Pflege
  • 11 SGB XI – Rechte und Pflichten der Pflegeeinrichtung
  • 113a SGB XI – Expertenstandards zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege

 


Bildnachweis: Robert Kneschke – stock.adobe.com


 

Robert Rath

war als examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger über sieben Jahre in der stationären Pflege an der Berliner Charité beschäftigt. Dort arbeitete er im Fachbereich Hämatologie und Onkologie und war spezialisiert auf die Versorgung von chronischen Wunden und die praktische Anleitung von Auszubildenden und Praktikanten. - Zusätzlich hat Herr Rath drei Jahre lang Gesundheitswissenschaften an der Charité studiert und den akademischen Grad Bachelor of Science erworben. - Derzeit ist er Leiter des Autorenteams bei Relias Learning und arbeitet gelegentlich als Lehrbeauftragter für das Thema Wundversorgung im Studiengang Bachelor of Nursing der Evangelischen Hochschule Berlin.

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