Von | 5. März 2017

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Die Überalterung bewältigen und die moderne Medizin nutzen: Qualifizierte Pflegekräfte sind „Mangelware“

Der Fachkräftemangel in den Pflegeberufen droht in einen dramatischen Pflegenotstand zu münden: Mit steigender Lebenserwartung und niedrigen Geburtenraten stehen alle europäischen Länder im gleichen demographischen Trend. In Krankenhäusern, Senioren- und Reha-Einrichtungen sowie zu Hause brauchen wir daher immer mehr Pflegekräfte, und die müssen immer besser ausgebildet sein. Hochbetagte Menschen leiden oft an mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig. Daher wird die Pflege immer komplexer und anspruchsvoller. Das seit Januar 2017 in Kraft getretene Pflegestärkungsgesetz passt die Pflegeleistung zwar dem individuellen Bedarf des Pflegebedürftigen an, aber dadurch wird ein höherer Pflegebedarf anfallen – wie und von wem soll diese Leistung erbracht werden?

 

Wie groß ist die Versorgungslücke?

Laut Pflegereport 2030 der Bertelsmann Stiftung sollen bis 2030 eine halbe Million Vollzeitpflegekräfte fehlen, die Analyse „Pflegelandschaft 2030“ kam 2012 zu ähnlichen Ergebnissen. Bereits in drei Jahren fehlen 268.000 Vollzeitpflegende. Das Bundesministerium für Gesundheit geht von 110.000 – 200.000 benötigten Pflegenden bis 2025 aus.
Derzeit sind in Deutschland 2,4 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. Für 2020 werden 2,9 Millionen und für 2030 3,4 Millionen prognostiziert.

 

Die Pflegeausbildung im internationalen Vergleich: Schlusslicht Deutschland

Wissenschaftler des Fachbereichs Pflegewissenschaft der Universität Basel werteten Daten der internationalen Studie „Nurse forecasting in Europe“ von 2014 aus. Verwendet wurden Daten von 33.659 Pflegenden aus 488 Krankenhäusern in zwölf europäischen Ländern. Deutschland war mit 49 Krankenhäusern beteiligt, in denen insgesamt 1.508 examinierte Pflegefachkräfte befragt worden waren:

Die Akademisierungsrate deutscher Pflegefachkräfte landete auf dem letzten Platz. In Spanien und Norwegen hatten alle Beschäftigten einen Bachelor Abschluss – kein einziger deutscher Teilnehmer konnte diesen nachweisen. Im europäischen Durchschnitt konnten 54% aller Pflegenden diesen Ausbildungsstand vorweisen.

61% der deutschen Pflegenden werden offenbar aus Personalmangel fachfremd eingesetzt. In keinem anderen europäischen Land war dies so zahlreich der Fall – im europäischen Durchschnitt waren es rund 34%, in Spanien sogar nur 17%. Auch in den USA ist die Pflege seit langem akademisch – in Teams aus Pflegenden, Ärzten, Ärztinnen und anderen Akteuren hat jeder seine anerkannte Rolle.

 

Die generalistische Pflegeausbildung in Europa

Bereits 1988 empfahl die WHO und später der International Council of Nurses eine allgemeine Pflegeausbildung als Erstausbildung. Seit den 90er Jahren nutzen die EU Staaten das generalistische Ausbildungskonzept für ihre nationalen Programme – sie werden sogar bei EU-Erweiterungen zur Bewertung der Beitrittsfähigkeit herangezogen. Die Ausbildungsprogramme in der Pflege sind in der Mehrheit der EU-Staaten heute generalistisch ausgerichtet – Deutschland hält hier nicht Schritt. Bislang geht es zusätzlich mit der grundständigen Altenpflegeausbildung einen Sonderweg.

Die Versorgungslücke schließen

Die Pflegequalität in Deutschland muss deutlich besser werden. Einig ist man sich, dass nach rund zehn Jahren Diskussion und vielen erfolgreichen Modellprojekten der so genannten generalistischen Ausbildung einschneidende Maßnahmen umgesetzt werden müssen. Ein bedeutender Baustein ist die Neuausrichtung der Pflegeausbildung, die auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert ist.

Die geplante generalistische Pflegeausbildung führt die bislang getrennten Ausbildungen von Kinderkranken-, Kranken- und Altenpflege zusammen. Geplant ist eine dreijährige gemeinsame Ausbildung aus Theorie und Praxis, die auf einen Einsatz in allen Arbeitsfeldern der Pflege vorbereitet. Die integrierte praktische Ausbildung von ca. einem Jahr ist bei einem Träger. Hier können die Auszubildenden einen Schwerpunkt wählen.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe startete letztes Jahr den Aufruf „Generalistik Jetzt!“ 72 Institutionen und Verbände aus dem Gesundheitswesen, wie z.B. der Paritätische, der Deutsche Pflegerat, Marburger Bund, der Deutsche Berufsverband der Pflegeberufe und Diakonie Deutschland unterstützen die rasche Umstellung der Ausbildung.

Die Bundesregierung hat am 13. Januar 2016 den vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und vom Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam vorgelegten Gesetzentwurf zur Reform der Pflegeberufe beschlossen. Seit ca. einem Jahr dauert das Gesetzgebungsverfahren an. Der Bundesrat hat nun am 10.2.2017 in seiner „Entschließung“ die Weiterführung des Gesetzgebungsverfahrens zum Pflegeberufsreformgesetz gefordert. Bei Verabschiedung noch in dieser Legislaturperiode könnte der erste Ausbildungsjahrgang zügig beginnen.

Welche Vorteile hat die neue generalistische Pflegeausbildung für die Auszubildenden?

  • Sie ermöglicht qualifizierte Pflege von Menschen in allen Alters- und Lebensphasen
  • Eine individuell wählbare „Vertiefung“ in einem Pflegebereich ist möglich
  • Die einheitliche Pflegeberufsausbildung wird im Unterschied zum heutigen Altenpflegeberuf im gesamten EU-Ausland anerkannt und ermöglicht eine EU-weite berufliche Mobilität
  • Die Möglichkeit, ein wissenschaftliches Pflegestudium anzuschließen
  • Die Abschaffung des Schulgeldes für die Auszubildenden der Altenpflege
  • Neue Kostenverteilung: Umlagenfinanziert
  • Alle Auszubildenden bekommen eine angemessene Ausbildungsvergütung

Qualifikation am Bett – Pflegen ist mehr als die Bettpfanne schwingen

Ziel ist es, den Pflegeberuf aufzuwerten und attraktiver für Schulabgänger zu machen. Damit sich wieder mehr Menschen für diesen Beruf entscheiden. Die generalistische Pflegeausbildung soll auch die unterschiedliche Bezahlung in der Kranken- und Altenpflege vermindern.

Die neuen Kompetenzen sollen Pflegefachkräften zukünftig bessere nationale und internationale Aufstiegs- und Wechselmöglichkeiten verschaffen. Demnach soll ein Teil der Gesundheitsfachberufe künftig an Hochschulen ausgebildet werden. Der Wissenschaftsrat schlägt einen Anteil bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs vor. Denn die komplexe Diagnostik, Behandlung und Pflege zunehmend multimorbider Patienten und Patientinnen erfordern vermehrt interdisziplinäre Teams, in denen Ärzte, Ärztinnen und Pflegefachkräfte auf Augenhöhe agieren.

Kritische Stimmen zur Reform der Pflegeberufe befürchten Nachteile für die Altenpflege: So vermutet man z.B. einerseits eine Verflachung der Ausbildungsinhalte – die einjährige Zeit der Spezialisierung reiche nicht aus. Andere meinen, dass eine zu anspruchsvolle Ausbildung die Schüler und Schülerinnen überfordern könnte.

Hilke Nissen

Hilke Nissen ist NGO erfahrene Kommunikationsexpertin mit Fokus Health Care / Medizin. Von 2007 – 2014 leitete sie die Kommunikation in der gefäßmedizinisch wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGA. Derzeit ist sie freiberuflich in Beratung und Text unterwegs. „New Work“ und digitale Strategien im Gesundheitswesen sind inhaltliche Interessen. Privat ist sie auf der Salsa Tanzfläche zu finden. Und wenn der Berg ruft, fährt sie Ski. Als klassisches Nordlicht liebt sie die frische Brise an der Nordsee.

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