In Deutschland sind gegenwärtig rund 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Laut Robert-Koch-Institut sind Demenzerkrankungen die häufigste Ursache für Pflegebedürftigkeit. Rund zwei Drittel der Bewohner von Pflegeheimen sind demenzkrank. Dabei befinden sich die meisten Betroffenen im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit. In diesem Stadium sind an Demenz Erkrankte nicht mehr aus ihrer eigenen Wirklichkeit heraus zu holen. Ihrer Pflege bedarf ein hohes Maß an psycho-sozialen Kompetenzen. Das Pflegepersonal muss in der Lage sein, sich in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Doch warum genau ist das so?

Demenz: Eine Krankheit, die Verständnis erfordert

Die Wahrheit des Demenzkranken ist genauso real wie „unsere“. Aus diesem Grund führt gutes Zureden und Argumentieren nicht immer zu einer Lösung, sondern kann noch mehr Unruhe und Verwirrung stiften. Wirkungsvoller ist es, sich als Gegenüber auf die Welt des Erkrankten einzulassen. Dazu gehört Empathie, d.h. die Fähigkeit, sich in die Lage des Gegenübers hineinzuversetzen. Hierfür empfiehlt sich ein Perspektivwechsel. Sich als Pflegender in das Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen hineinzuversetzen, kann sehr aufschlussreich sein. So zeigt der Blick in eine Selbsthilfegruppe Erstaunliches.

Perspektivwechsel zum Einüben von Empathie

Die Besucherin einer Selbsthilfegruppe, deren demenzkranker Ehemann eine sog. Hinlauftendenz hatte, schilderte, dass sie den Tipp von einer anderen Dame bekam, die Haustür mit einem weißen Laken abzuhängen. Die Tür „verschmolz“ so mit der umliegenden weißen Wand. So war ihrem Ehemann der visuelle Reiz genommen, der die Hinlauftendenz auslöste. Das gab ihr und ihrem Ehemann erst einmal Ruhe. Diese Geschichte zeigt, wie wichtig Empathie im Umgang mit demenzkranken Menschen ist. Natürlich ist es Pflegenden in Einrichtungen nicht immer möglich, derartige Maßnahmen zu ergreifen. Dennoch kann diese Geste als Inspiration dienen, sich in die durcheinander geratene Gedankenwelt von demenzkranken Patienten einzufühlen. Empathie schafft nicht nur einen respektvollen Umgang mit Betroffenen, sondern ist ein effektiver Betreuungsansatz.

Der demenzkranke Großvater einer meiner Freundinnen lief jahrelang regelmäßig nachts im Nachthemd aus dem Haus auf die angrenzende Straße. Dies war eine viel befahrene Hauptstraße. Er hoffte, seinen Bruder dort zu treffen, der aber schon vor langer Zeit im Krieg verstorben war. Die Großmutter meiner Freundin verließ in der ganzen Zeit seiner Krankheit das Haus nicht mehr, in Sorge um das Leben ihres Ehemanns. Hätte sie diesen einfachen Trick der Empathie gewusst und mit einem Leintuch die Haustür bedeckt – was hätte sich in der Lebensqualität der beiden verändert? 

Verstehen, was im Gedächtnis passiert

Dieselbe Frau, die beinahe ein Jahrzehnt ihren demenzkranken Ehemann pflegte, erkrankte nach seinem Tod selbst an Demenz. Im Endstadium ihrer Erkrankung lebte sie nur noch in den traumatischen Kriegserfahrungen ihrer Vergangenheit. Sie erinnerte sich genau an Geschichten, die ihrer Familie widerfahren waren, aber auf das Hier und Jetzt konnte sie nicht mehr zugreifen. Am Ende eines ausgesprochenen oder gehörten Satzes hatte sie den Beginn schon wieder vergessen.

Je mehr die Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses auf Grund der Demenzerkrankung zurückgeht, desto häufiger greift das Gehirn auf Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis zurück. Der Wissenschaftler Jens Bruder spricht in diesem Zusammenhang vom „Demenz-Paradoxon“: Menschen vom Alzheimer-Typ nehmen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr wahr, dass ihre kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Entsprechend setzen sie sich nicht mehr mit den Konsequenzen ihrer Handlungen auseinander.

Validation: Das Einnehmen einer wertschätzenden Haltung

Vor diesem Hintergrund ist es in der Pflege umso wichtiger, die Realität der Betroffenen geduldig zu bejahen. Mittlerweile ist allgemein bekannt, wie bedeutsam das Thema der Validation ist. „Validieren“ bedeutet das Einnehmen einer wertschätzenden Haltung in der Begleitung von Menschen mit Demenz. Sie basiert auf den Grundhaltungen der „klientenzentrierten Gesprächsführung“ nach Carl Rogers (amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut). Rogers entwickelte eine nicht korrigierende, verständnisvolle und spiegelnde Sprache. Seine Kommunikationsform wurde von Naomi Feil (amerikanische Sozialarbeiterin) weiterentwickelt. Laut Feil sind desorientierte alte Menschen damit beschäftigt, „unerledigte Aufgaben“ ihres Leben aufzuarbeiten und es gilt sie darin zu unterstützen. Nicole Richard (deutsche Psychogerontologin) entwickelte diesen Ansatz weiter zu der „Integrativen Validation“ (IVA), in der die Annahme der aktuellen Bedürfnisse der Demenzkranken im Mittelpunkt steht. Denn je verstandener sich die betroffenen Menschen fühlen, desto ruhiger werden sie. Allen drei Methoden ist gemeinsam, dass der Mensch akzeptiert wird, wie er ist. Validation schenkt an Demenz Erkrankten Entlastung, wenn Heilung schon nicht möglich ist.

Wenn etwa ein Erkrankter von seiner längst verstorbenen Frau spricht - zum Beispiel, dass er sie abholen müsse - ist es ratsam, nicht darauf hinzuweisen, dass sie in Wahrheit tot ist. Oder wenn er sich nachts mehrmals anzieht und zur Arbeit gehen will, ist es besser nicht abrupt zu sagen, dass er sich in einem Pflegeheim befindet, schon seit Jahren in Rente ist, dass es mitten in der Nacht ist und dass er es nun schon zum dritten Mal in dieser Nacht macht. Es ist wichtig, den Betroffenen behutsam abzulenken ohne seine Wahrheit zu zerstören. Tatsächlich kann es leicht funktionieren, den Erkrankten positiv und mit Freude auf andere Gedanken zu bringen, da die Erinnerung von dementen Patienten nicht sehr hartnäckig ist.

Biografiearbeit schafft Zugang 

Grundlage für beide Haltungen, Empathie und Validation, ist die Biografiearbeit. Durch Gespräche wird festgehalten, welche Vorlieben, Gewohnheiten, Eigenheiten und  Verhaltensmuster der Erkrankte hat. Was hat den Patienten früher bewegt und was hat ihm Freude bereitet? Welchen Beruf hat der Mensch ausgeübt? Was hat er gerne in seiner Freizeit getan? Diese persönlichen Informationen können durch das Pflegepersonal dokumentiert werden. Auf diese Weise können Verhaltensweisen der Erkrankten besser verstanden werden. In der Biografiearbeit kann es hilfreich sein, den Patienten als „tragischen Helden“ zu sehen, der jetzt gut umsorgt wird. In seinem damaligen Leben hat er eine Rolle gespielt, jetzt spielt er eine andere.

Biografiearbeit ist neben Gedächtnistraining und Validation eine nicht-medikamentöse Therapieform, die Anknüpfungspunkte für Gespräche oder Aktivitäten im Rahmen der Betreuung herstellen. Dazu gehören auch das Anschauen von Fotos und das Vorlesen von Geschichten. Erinnerungsarbeit kann mit dem Erzählen von Reimen oder dem Singen von Liedern stattfinden. Die basale Stimulation spielt eine große Rolle. Sie dient dem Wohlbefinden des Patienten und kann anregend oder entspannend sein. Sie dient der Kontaktaufnahme und der Kommunikation.

Fazit: Was es für eine würdevolle und gelungene Pflege braucht

Demenz ist eine enorm herausfordernde Volkskrankheit, für die es bisher noch keine Heilung gibt. Die Erkrankung stellt für Betroffene, Angehörige und Pflegende eine große Belastung dar. Ein Großteil der alten Menschen in Pflegeeinrichtungen leidet unter Demenz. In Ergänzung zur medikamentösen Behandlung kann eine würdevolle Pflege – die wir uns alle für uns selbst und andere Menschen wünschen – nur mit den Grundhaltungen von Akzeptanz und Geduld, Empathie und Validation gelingen. 

Anmerkung und Dank

In diesen Artikel fließen Erfahrungsberichte pflegender Angehöriger mit ein. Mein Dank gilt Christina Ney und Lisa Sintermann. 

 

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