Von | 4. September 2020

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Ob durch Reiserückkehrer, gelockerte Vorschriften oder aus anderen Gründen: Der aktuelle Anstieg der Infektionszahlen mit SARS-CoV-2 wird nicht der letzte sein. In der Wissenschaft herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass die Pandemie uns noch für viele Monate begleiten wird.

Grund genug, nachhaltige Konzepte für ein sicheres Arbeiten auch in Pflege und Medizin zu entwickeln. Neben den bekannten Hygienemaßnahmen bedeutet dies vor allem, örtlich und zeitlich flexibler zu arbeiten, um keine unnötigen Infektionsrisiken einzugehen. Viele Kontakte mit Patient*innen und unter Pflegenden sind unvermeidbar – aber andere können auf sichere Art und Weise digital stattfinden, etwa mit Videosprechstunde oder E-Learning.

Durch das Ausweichen auf digitale Plattformen und Veranstaltungen können nicht nur Erkrankungsfälle und Quarantäne von Kontaktpersonen vermieden werden. Die örtliche und zeitliche Flexibilität verhelfen auch zu besserer Work-Life-Balance, die in Zeiten von Corona vor allem unter Pflegenden noch dringender notwendig ist als sonst.

Neuer Schwung für die Videosprechstunde

Die Corona-Pandemie hat im Gesundheitswesen neue Probleme geschaffen und bestehende verstärkt, beispielsweise den Fachkräftemangel. Hier mit digitalen Werkzeugen schnelle Hilfe zu leisten war das Ziel des Hackathons #WirVsVirus und ähnlicher Initiativen. Über die hier entstandenen neuen digitalen Möglichkeiten für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen haben wir bereits berichtet.

Neben der digitalen Bekämpfung der Pandemiefolgen bahnt die Coronakrise aber auch neuen Lösungen für altbekannte Probleme den Weg. Bekanntestes Beispiel: die Videosprechstunde. Schon Mitte März wurden die bisher geltenden Beschränkungen für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aufgehoben: Sie durften von diesem Zeitpunkt an auch mehr als 20% ihrer Leistungen per Video erbringen, und auch bei Patient*innen, die bisher nicht persönlich in der Praxis vorstellig waren.

Vielfältig einsetzbar: Tablets in Pflegeheimen

Vielerorts wurde erkannt, wie sehr vor allem alte Menschen von diesem Angebot profitieren können. So wurden bisher ca. 450 Pflegeheime in Niedersachsen mit Tablets ausgerüstet, mit denen Bewohnerinnen und Bewohner sich in ihre hausärztliche Praxis verbinden lassen können. Die Hausärztinnen und Hausärzte können während der Projektlaufzeit eine Software für Videosprechstunden kostenlos installieren. Infektionsrisiken werden vermieden, und der positive Nebeneffekt: Die Tablets dürfen auch für die Videotelefonie mit Angehörigen genutzt werden.

Die ursprüngliche Corona-Sonderregelung für Videosprechstunden ist mittlerweile ausgelaufen, doch ihre Wirkungen bleiben: So meldet die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich mittlerweile 510 Praxen die Voraussetzungen für die Videosprechstunde geschaffen haben. Ein halbes Jahr zuvor waren es nur zwei gewesen.

Zudem teilte der Gemeinsame Bundesausschuss Mitte Juli mit, dass nun auch Krankschreibungen per Videosprechstunde erfolgen dürfen – für alte Menschen weniger relevant, aber ein Gewinn an Komfort und Sicherheit für arbeitsunfähige Pflegekräfte und ein weiteres Zeichen für die bessere Etablierung der Telemedizin durch Corona.

Pflege geht nicht im Home Office – oder doch?

Auf den ersten Blick unmöglich: die Arbeit von Pflegenden ins Home Office zu verlagern. Doch auf den zweiten Blick ergeben sich auch hier Möglichkeiten, um Infektionsrisiken zu mindern und Mitarbeitenden – vor allem mit kleinen oder schulpflichtigen Kindern – zusätzliche Freiräume zu schaffen.

Bisher war es immer ein Ärgernis, dass Pflege auch immer mehr Dokumentations- und Verwaltungsaufwand bedeutet. Doch in Corona-Zeiten bieten gerade diese Tätigkeiten sich dafür an, sie im Home Office zu erledigen. Dienst- oder Maßnahmenpläne können genauso gut zu Hause wie im Büro bei den Kolleg*innen geschrieben werden. Voraussetzung sind gute und leichtgewichtige Geräte und sichere Software – hierzu gibt es beispielsweise eine Handreichung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Es gibt mittlerweile zahlreiche sichere, verschlüsselte Anwendungen in der Cloud, die auch das rechtskonforme Bearbeiten und Teilen von Patientendaten ermöglichen und trotzdem komfortabel zu nutzen sind.

E-Learning während Corona

Auch für die Fort- und Weiterbildung gilt: Die Corona-Situation beschleunigt die Umstellung auf flexible und bequeme Lösungen, die sich Beschäftigte schon vor der Pandemie gewünscht haben.

Zu Beginn der Pandemie wurden Pflichtfortbildungen vielerorts auf später verschoben. Doch die Teilnahme an Pflichtfortbildungen wird auch während der Pandemie geprüft. Einrichtungen sind daher in Zugzwang: Entweder müssen Fortbildungen vor Ort als Präsenztermine unter erschwerten Bedingungen angeboten werden (in Kleingruppen und unter Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregeln) oder es wird auf digitale Alternativen umgestellt. Das digitale Lernen verhindert dabei nicht nur Infektionen, sondern gibt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch ein wenig Kontrolle über ihren Alltag zurück – etwas, das in Medizin und Pflege nicht erst seit Corona oft ins Hintertreffen gerät.

Wichtiger denn je: Mitarbeiterbindung

Beschäftigte können Pflicht- oder freiwillige Fortbildungen als E-Learning zu jeder Zeit und an jedem Ort absolvieren, und Dokumentation und Nachweis sind bereits inbegriffen. Auch Beschäftigte, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe oder wegen Problemen mit der Kinderbetreuung vorübergehend nicht arbeiten, können mit E-Learning auf dem aktuellen Stand bleiben und nahtlos wieder einsteigen, wenn die Situation es zulässt.

Bei Fortbildungen, die nicht komplett in den digitalen Raum verlegt werden können, hat sich zudem das Konzept des Blended Learning bewährt: Die Anleitung vor Ort in Kleingruppen wird ergänzt durch theoretische Anteile, die vor dem heimischen Laptop bearbeitet werden.

Die Coronakrise stellt noch einmal besondere Anforderungen an die ohnehin belasteten Beschäftigten in der Pflege. Gesten ohne Mehrwert, wie etwa der Lavendel-Strauch, der Pflegenden in der Universitätsmedizin Mainz geschenkt wurde, werden von Pflegekräften zu Recht als PR-Stunts abgelehnt. Umgekehrt gilt aber auch: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen es sehr genau wahr, wenn der Arbeitgeber ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Die Investition in patienten- und mitarbeiterfreundliche Digitalisierung dient damit letzten Endes auch der Mitarbeiterbindung und dem Bestehen der Einrichtung im Wettbewerb um die fähigsten und motiviertesten Fachkräfte.

 


Bildnachweis: DC Studio – stock.adobe.com


 

Dr. Christina Czeschik

Dr. Christina Czeschik ist Ärztin und Medizininformatikerin sowie Beraterin und Fachautorin für Digitalisierung im Gesundheitswesen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher und zahlreicher Artikel zu den Themen Informatik und Informationssicherheit in der Medizin.

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