Wir können in vielerlei Hinsicht orientiert sein, also wissen, an welchem Ort wir uns gerade befinden. Nun hängt der Orientierungssinn davon ab, inwieweit wir auf bestimmte Sinne oder Wahrnehmungsorgane zugreifen und sie im Gehirn passgenau verarbeiten können. Auch das Gedächtnis spielt dabei eine Rolle. Bei älteren Menschen schwinden naturgemäß und gelegentlich auch krankheitsbedingt die Sinne. Kommt eine Demenzerkrankung hinzu, potenziert sich natürlich die Wahrscheinlichkeit der Desorientierung. Wir unterscheiden hier gewöhnlich vier Qualitäten, nämlich die Orientierung hinsichtlich der: 

  • Situation 
  • zum Ort 
  • zur Zeit und
  • zur Person

Die situative Orientierung ist in der Regel eng verknüpft mit anderen Orientierungsstörungen.  Was gilt gerade jetzt und hier? In welchem Spiel befinde ich mich gerade?  Als ich einer demenzkranken Frau einmal versuchte zu erklären, warum ich sie besuchte, hatte sie am Ende der Erklärung schon vergessen, was ich am Anfang gesagt hatte und fragte mich schließlich, was ich ihr verkaufen wolle und dass sie nichts unterschreibe. Sie verkannte die Situation, weil sie mich als (Versicherungs-)Vertreter wahrnahm.  Oft generieren solche situativen Desorientierungen komische Dialoge und bringen einen zum Schmunzeln. Die desorientierte Person kann die Gründe für den derzeitigen Aufenthalt nicht benennen und ein oft nebensächliches Wahrnehmungsdetail verursacht eine Missdeutung der Situation. Solch eine Fehldeutung kann dann auch mal ein Einfallstor für Wahngebilde werden. Situative Desorientierung kann beim Betroffenen Gefühle von Unsicherheit und Angst hervorrufen. Die Person weiß nicht, was um sie herum geschieht und verkennt die Situation. Sie weiß, hier stimmt etwas nicht und kann den Grund nur außer sich verorten, nicht bei sich selbst. Diese Form der Desorientierung fällt in der Regel am seltensten auf, weil das „Darüber sprechen“ für die Betroffenen nicht nur eine kognitiv anspruchsvolle Leistung darstellt, sondern weil sie darüber Gefahr liefen, sich zu entblößen.

Die örtliche Desorientierung fällt am ehesten den näheren Angehörigen und dem Betroffenen selbst auf. Er findet den Weg nicht mehr zu einem bekannten Ziel. Bei der Befragung kann er nicht sagen, wo er sich befindet, kann den Namen des Ortes oder der Straße, in der lebt, nicht nennen. Er ist unfähig eine Wegbeschreibung abzugeben oder erfindet sie. Ferner kann es sein, dass er Gegenstände an völlig falschen Orten sucht. Manchmal fällt der Umgebung auf, dass er ständig fragt, wo er sich befindet. Offenkundig erscheint die örtliche Desorientierung, wenn die Person sich verlaufen hat und nicht mehr sagen kann, wie sie nach Hause kommt oder wo sie wohnt.
Der demenzkranke Ehemann einer Bekannten griff zu einer bemerkenswerten Strategie. Als er bemerkte, dass er beim Autofahren immer unsicherer wurde, weil er sich den Weg nicht mehr merken konnte, forderte er seine Ehefrau, doch ab nun den Wagen zu steuern, da er ja das ganze Leben der Fahrer gewesen sei und nun wolle er auch einmal aufmerksamer die Umgebung beim Fahren betrachten können.

Zeitliche Orientierung bedarf vielfältiger logischer Operationen und kann bei der Befragung gute Hinweise auf den Fortgang einer Demenzerkrankung geben. Die Betroffenen können beispielsweise keine Angaben über die aktuelle Tageszeit, den bestehenden Tagesabschnitt oder das aktuelle Datum machen. Selbst bei offenkundigen, jahreszeitlichen Hinweisen wie blühende Rapsfelder oder geschmückte Tannenbäume machen sie noch Fehlangaben. Die Person kann nicht sagen, wie lange sie sich in einer Situation oder an einem Ort befindet. Termine werden vergessen.

Um den Grad der zeitlichen Desorientierung zu bestimmen, frage ich gerne nach dem Alter. Die betroffene Person muss nicht nur ihr Geburtsdatum kennen, sondern zudem wissen, welches Jahr wir haben und schließlich rechnen können. Eine desorientierte Person mit noch intaktem Langzeitgedächtnis wird vielleicht auf die Frage nach dem Alter ihr Geburtsdatum angeben. Weiß sie nicht, welches Datum bzw. Jahr ist, wird sie diese Strategie anwenden und auf die wiederholte Frage, wie alt sie (dann) sei, antworten: „Da rechnen Sie mal (selbst) nach!“ oder „Können Sie nicht rechnen?“ oder „Das fragt man eine Dame nicht!“  In solchen Fällen verfügt die Person noch über den Zugriff auf bewährte Bewältigungsstrategien. Kann die Person auch nicht mehr die Bewältigungsstrategien nicht abrufen, wird sie unter Stress geraten und entsprechende Verhaltensweisen zeigen, wie etwa Verlegenheit, Ausflüchte oder aggressives (verbales) Verhalten.

Nach Paul Watzlawick gibt es eine digitale und eine analoge Kommunikation. Die analoge Kommunikation basiert auf archaischen Kommunikationsformen und zeigt gewissermaßen unmittelbar, was sie abbildet. Eine Geste oder ein Bild sind klare Ausdrucksformen analoger Kommunikation und sprechen stärker das Gefühlsleben der Menschen an. Die digitale Sprache vermittelt in erster Linie pure Informationen und bedarf häufig der Übersetzung. Digitale Botschaften sind abstrakt und drücken sich über Zahlen und abstrakte Zeichen aus.
Bei einer Analoguhr zeigt sich die Zeit über die Darstellung durch Zeiger und Zifferblatt. Sie zeigt sich gewissermaßen übersichtlich und unmittelbar als eine absehbare und abschätzbare Entfernung. Sie ist die Uhr der Kindheit und behält weitestgehend den Charakter unmittelbarer Vertrautheit im Sinne der Sehgewohnheiten. Eine Digitaluhr zeigt die Zeit durch Ziffern an. In der Anzeige zeigt sie folgendes Format: 00:00 bis 23:59. Der Leser muss die Sprache der Ziffern kennen und rechnen können, damit er die Uhrzeit erkennt. Da ältere und demenzerkrankte Menschen zunehmend auf äußere Zeitgeber und Tagesstrukturierung angewiesen sind, ist es sehr hilfreich, wenn in ihrer Umgebung eine Uhr als Orientierungshilfe sichtbar ist. Dies sollte aber in jedem Fall eine große Analoguhr sein.

Während meiner Krankenpflegeausbildung hatte ich einen oligophrenen Patienten in einer geschlossenen Abteilung zu betreuen. Die Angehörigen hatten ihm eine moderne Digitaluhr geschenkt. Er erhielt regelmäßig die Erlaubnis, für eine bestimmte Zeit auszugehen, mit der Auflage, pünktlich zu einer festgelegten Zeit wieder auf der Station zu sein. Die Schwestern schrieben ihm die digitale Uhrzeit auf einen kleinen Zettel. Allerdings kam es trotzdem immer wieder vor, dass er sich - manchmal deutlich - verspätete. Dabei fiel mir auf, dass er immer sehr gehetzt wirkte und manchmal schweißgebadet wieder auf die Station kam. Dabei wurde mir Folgendes klar: Er musste fast permanent die aufgeschriebene mit der noch nicht angezeigten Zeitangabe auf der Digitaluhr vergleichen. Denn auf Grund seiner Intelligenzminderung war er gar nicht in der Lage abzuschätzen, wie viel Zeit ihm jeweils noch verblieb, denn er konnte die verbleibende Zeit nicht errechnen, so dass er während seines Ausgangs eigentlich kontinuierlich unter Stress stand, weil jede Veränderung der Uhranzeige das Ende seines erlaubten Ausgangs bedeuten konnte. Nachdem wir ihm eine Analoguhr gegeben hatten, kam er sehr viel besser damit klar und kam von seinen Ausflügen immer häufiger entspannt und pünktlich zurück.

Die personelle Desorientierung entbehrt nicht einer gewissen Dramaturgie. Einer Person zu begegnen, deren Namen man eigentlich wissen müsste, aber in dem Moment nicht erinnern kann, kann schon mal peinlich werden. In solchen Situationen empfinden die Menschen echten Stress und versuchen die Situation zu umspielen oder zu umgehen. Jedem kann so etwas passieren und wenn wir aufmerksam auf unsere Gefühle sind, haben wir auch eine Ahnung, wie es einem Menschen mit Demenz geht. Sein Verhalten ist dann weniger der Demenz als den momentanen Gefühlen geschuldet.

Der desorientierte Mensch erkennt Menschen nicht wieder, mit denen er zu tun hat. Schreitet die Demenz voran, kann er zu Details seiner Biografie keine treffenden Aussagen machen. Frauen vergessen ihren angeheirateten Nachnamen, machen falsche Angaben zu ihrem Familienstand oder zur Anzahl der Kinder. Männer können ihren erlernten Beruf nicht mehr angeben. Irgendwann erkennen sie selbst enge Verwandte nicht wieder. Und schließlich erkennen sie nicht einmal mehr ihr eigenes Spiegelbild und halten es möglicherweise für eine andere Person. Daher haben auf Demenz spezialisierte Wohnbereiche die Spiegel auf den Fluren entfernt. Im Bad werden die Spiegel so eingestellt, dass sich der demenzkranke Mensch nicht unvorbereitet darin sehen kann.
Im Zuge des Realitäts-Orientierungs-Trainings hatten Pflegende die Idee, von einer örtlich desorientierten Bewohnerin, die ihr Zimmer nicht wiederfand, ein Foto zu erstellen und es großformatig an der Zimmertür zu befestigen. Auf den Hinweis einer Pflegerin: „Schauen Sie mal! Hier ist doch ihr Zimmer. Da hängt ihr Foto.“, antwortete die alte, demenzkranke Dame: „Die Frau kenne ich nicht!“ und setzte ihren Weg fort. Die Personendesorientierung war also weit fortgeschritten. Allerdings wussten die Pflegekräfte, dass ihr Langzeitgedächtnis noch nicht so betroffen war und baten die Angehörigen um eine Fotografie aus einer früheren Lebensphase im Alter um 35 Jahre. Tatsächlich reagierte die Dame auf dieses Foto noch eine Zeitlang und diese Orientierungshilfe führte noch eine Weile zur besseren örtlichen Orientierung, zumindest soweit, dass sie noch eine Zeit lang ihr Zimmer wiederfand.