Die Umsetzung des Expertenstandards Kontinenzförderung scheitert häufig an zwei Dingen.
Zum einen fehlen den Pflegenden oft die entsprechenden und aussagekräftigen medizinischen und pflegerischen Diagnosen und das Wissen um die wichtigsten Inkontinenzformen und die dazu passenden Möglichkeiten der Versorgung und/oder Therapie sind oft nicht verwurzelt. Speziell in der Altenpflege ist neben der Immobilität, der allgemeinen Instabilität und dem Abbau der fluiden Intelligenz das Auftreten einer Inkontinenz dasjenige, was Bewohner*innen am meisten belastet und die Pflege stark beschäftigt. Zum anderen bereitet die Zuordnung der Kontinenzprofile häufig Kopfzerbrechen und Pflegefachpersonen erkennen nicht sogleich den Sinn dieser Zuordnung.

Entsprechend der Standardaussage des Expertenstandards soll bei Patient*innen oder Bewohner*innen die Harnkontinenz erhalten oder gefördert und die identifizierte Form der Harninkontinenz soll beseitigt, weitestgehend reduziert bzw. kompensiert werden.

Unter Harninkontinenz wird die Fähigkeit verstanden, willkürlich und zur passenden Zeit an einem passenden Ort die Blase entleeren zu können, was die Fähigkeit beinhaltet, Bedürfnise zu kommunizieren, um Hilfestellungen zu erhalten, wenn Einschränkungen vorliegen.
Gerade hinsichtlich dieser letztgenannten Fähigkeiten stoßen Pflegende in der Altenpflege bereits an ihre Grenzen. Denn oft sind Verständigungsprobleme aufgrund kognitiver Defizite der Bewohner*innen wie Hörbehinderung, Aphasie oder Demenz Ursache dafür, dass die Betroffenen sich eben nicht oder nicht adäquat mitteilen können. Ähnlich wie bei Kleinkindern müssen Pflegende hier auf ihre Beobachtung hinsichtlich Verhalten, Mimik und Gestik zurückgreifen.
Zu bedenken ist auch, dass das Thema einer starken Schamhaftigkeit und Tabuisierung unterliegt. Ferner ist es manchmal für die Betroffenen angesichts der Personalnot in den Pflegeheimen die einzige Möglichkeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erfahren. Nicht zuletzt ist die Inkontinenz häufig der Grund zur Heimeinweisung für pflegende Angehörige, da sie damit überfordert sind.

 

Folgende Assessments können von Seiten des Pflegepersonals durchgeführt oder bei den Ärzt*innen angeregt werden, um die Inkontinenzform zu bestimmen und medikamentöse oder therapeutische Maßnahmen anzustoßen:

  1. Initialfragen stellen
  2. Krankenbeobachtung (Unruhe, Mimik, Einnässen)
  3. Urin-Status
  4. Restharnbestimmung
  5. Miktionsprotokoll! (Ein- und Ausfuhrkontrolle, incl. Vorlagengewichtstest)
  6. Medikamentenscreening

 

Die wichtigsten ob ihrer differenzierten Therapie und Versorgung zu unterscheidenden Inkontinenzformen sind:

Inkontinenzform

Kommentar

1. Belastungsinkontinenz (früher Stressinkontinenz)

Verlieren oft ungewollt Urin bei (körperlichen) Belastungen infolge meist von Beckenbodenschwäche

2. Dranginkontinenz (auch Urgeinkontinenz genannt)

Sensorisch zum Beispiel bei Harnwegsinfekten, Tumoren;
Motorisch meist bei neurologischen oder dementiellen Erkrankungen

3. Überlaufinkontinenz

Durch Obstruktionen der Harnröhre, oft bei Männern bei Prostata-Problemen

4. Reflexinkontinenz

Bei Querschnittlähmungen oder neurologischen Erkrankungen

5. Extra-urethrale Inkontinenz

Aufgrund anatomischer Fehlbildungen und Fistelungen; sehr selten


Während die beiden letzten Formen eher selten vorkommen, haben es die Pflegekräfte sehr oft mit den ersten drei Formen zu tun. Gerade für die Belastungsinkontinenz gibt es eine Vielzahl von Therapieansätzen, wobei die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur durch entsprechende gymnastische Übungen und Östrogengaben bei Frauen wohl die vielversprechendsten Möglichkeiten darstellen. Leider ist aber die Durchführung der Beckenbodengymnastik aus personeller Sicht stark limitiert, zumal dies regelmäßig stattfinden muss. Zum anderen wird diese Option bei kognitiv eingeschränkten Personen eher wenig Erfolg zeigen.

 

Hinsichtlich der Identifizierung der vorliegenden Inkontinenzform können die sogenannten Initialfragen eine gute Orientierung bieten:

Frage

Hinweis auf

Verlieren Sie ungewollt Urin?

Kontinenzprofil 2+3, bei Belastungs-, Überlauf- und Dranginkontinenz

Verlieren Sie Urin, wenn Sie husten, lachen oder sich körperlich betätigen?

Belastungsinkontinenz

 

Verlieren Sie Urin auf dem Weg zur Toilette?

Drang- und/oder Belastungsinkontinenz

Tragen Sie Vorlagen/Einlagen, um den Urin aufzufangen?

Meist, Belastungsinkontinenz; Hilfsmittel = Kontinenzprofil 3

Verspüren Sie häufig (starken) Harndrang?

Sensorische (Infekt?) od. motorische Dranginkontinenz

Müssen Sie pressen um Wasser zu lassen?

Überlauf oder sensorische Dranginkontinenz

Ziel des Standards ist die Erhaltung der Kontinenz. Nur wenn dieses Ziel nicht erreichbar ist, sollte auf einer sechsfach abgestuften Skala jeweils das für die Person nächstbessere Kontinenzprofil erreicht werden:

Profil

Kommentar

6. Kontinenz

Fähigkeit, willkürlich und zur passenden Zeit an einem passenden Ort die Blase entleeren zu können

5. unabhängig erreichte Kontinenz (Maßnahmen werden selbst durchgeführt)

z.B.: Selbstständiges Toilettentraining bei Dranginkontinenz bevor der Harndrang einsetzt

4. abhängig erreichte Kontinenz (Maßnahmen werden mit Hilfsmitteln durchgeführt)

Zum Beispiel durch Toilettentraining speziell bei motorischer Dranginkontinenz, wobei die individuelle Blasenfüllmenge durch ein Miktionsprotokoll vor Eintreten des Drangs ermittelt wurde oder durch zeitnahe Intervention durch Anlegen von Auffanggefäßen bei vornehmlich bewegungseingeschränkten Menschen

3. unabhängig kompensierte Inkontinenz (keine Unterstützung im Umgang mit Hilfsmitteln notwendig)

Person kann Hilfsmittel ohne personelle Unterstützung passgenau eine Inkontinenzversorgung anwenden, zum Beispiel selber die Vorlage wechseln, was bei Menschen mit Demenz oder stark bewegungseingeschränkten (funktionelle Inkontinenz) Bewohner*innen eher nicht klappen wird

2. abhängig kompensierte Inkontinenz (Unterstützung im Umgang mit Hilfsmitteln)

Pflegerische Mindest-Regel-Versorgung meist in Form von Vorlagenwechseln oder Katheterisierung

1. nicht kompensierte Inkontinenz

irrelevant

 

Im Pflegeteam muss überlegt werden, ob und welche Ressourcen die pflegebedürftige Person besitzt, um das nächsthöhere Profil zu erreichen.

 

Das Legen und Wechseln eines transurethralen Dauerkatheters ist heute in der Altenpflege sehr selten geworden. Es kann dann als Kunstfehler gewertet werden, wenn bei einem*r inkontinenten Bewohner*in ein transurethraler Katheter gelegt wird, obwohl keine medizinische Indikation vorliegt. Nur wenn aus anatomischen oder krankheitsgedingten Gründen eine suprapubische Harnableitung ausscheidet, kann noch eine Harnableitung mittels Harnröhrenkatheter erwogen werden. Gelegentlich findet man in den Einrichtungen noch Bewohner*innen, bei denen eine Ableitung über die Harnröhre bereits seit einer längeren Zeit vorliegt. Oft ist dann das Fassungsvermögen in Folge der atrophierten Blasenwandmuskulatur (Schrumpfblase) so gering, dass der Bauchdeckenkatheter ausscheidet. Es gilt also bei Aufnahme genau zu schauen, ob beispielsweise eine aufsaugende Versorgung gefahrlos an Stelle des liegenden Harnröhrenkatheters möglich ist.

In jeder größeren Pflegeeinrichtung sollte eine examinierte Pflegekraft zum*r Kontinenzbeauftragten benannt, fortgebildet und honoriert werden.

Fazit:
In regelmäßigen Fallbesprechungen des Pflegeteams gilt es,

  • die geeigneten Assessments zu planen und durchzuführen
  • neben der pflegediagnostischen Bestimmung der Inkontinenzform das Kontinenzprofil zu beschreiben und
  • in Abstimmung und im Interesse der*s zu Pflegenden auszuhandeln, welches höhere Kontinenzprofil im Sinne einer pflegerischen Zielsetzung erreicht werden kann oder soll.