Von | 29. Juli 2020

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Schon vor Beginn der aktuellen Corona-Situation war das Gesundheitswesen nicht mit einem Überangebot an Fachkräften gesegnet. Aktuell sorgen nun mehrere Faktoren für eine Verschärfung der Situation: Mitarbeiter*innen mit Erkältungssymptomen (oder gar nachgewiesenem COVID-19) bleiben zu Hause, solche aus Risikogruppen oftmals ebenso. Und die verbleibenden Fachkräfte leiden unter Stress und Überlastung – nicht nur verursacht durch Personalmangel, sondern auch durch verschärfte Anforderungen in der Hygiene und verunsicherte Patient*innen, Bewohner*innen und Angehörige.

Auch, wenn die COVID-bedingte Überfüllung von Normal- und Intensivstationen bisher ausgeblieben ist, arbeiten doch viele Medizin- und Pflegeeinrichtungen nach mehreren Monaten der Pandemie weiterhin am Limit. Gleichzeitig befinden sich in anderen Branchen weiterhin Menschen in Kurzarbeit. Junge Menschen wollen helfen und dabei praktische Erfahrungen sammeln. Ehemalige Beschäftigte im Gesundheitswesen überlegen, wie sie ihre Kenntnisse sinnvoll einbringen können.

Hilfsbereitschaft muss in geordnete Bahnen gelenkt werden

Schon zu Beginn der Coronakrise wurden viele Einrichtungen des Gesundheitswesens von Anfragen und Angeboten hilfsbereiter Menschen überwältigt. Das Problem: wie lassen sich Angebot und Nachfrage mit vertretbarem Arbeitsaufwand zueinander bringen?

Nicht jeder wohlmeinende Freiwillige kann an jedem Einsatzort eine echte Hilfe sein. Andere sind bezüglich ihrer Einsatzzeiten stark eingeschränkt. Vorhandene Fach- und Führungskräfte waren (und sind!) bereits so eingespannt, dass sie sich kaum um die Koordinierung von Freiwilligen und neuen Mitarbeiter*innen kümmern können. Und nicht zuletzt möchte in Zeiten des Social Distancing kaum eine Einrichtung viele neue Gesichter zu herkömmlichen Bewerbungsgesprächen bitten.

Hier versuchen neue digitale Plattformen Abhilfe zu schaffen. Ihr Ziel: effizient und mit minimalem Infektionsrisiko Menschen mit und ohne fachliche Ausbildung an Einrichtungen zu vermitteln, die unter Fachkräftemangel leiden.

Digitale Plattformen vermitteln Fachkräfte und hilfsbereite Laien

Die Apps match4healthcare, Voluntero, ClinicBuddy und Pflegesterne setzen an unterschiedlichen Stellen des Prozesses an: Von der Identifizierung geeigneter Freiwilliger oder Bewerber*innen bis hin zur schnellen und übersichtlichen Einarbeitung.

Gemeinsam ist allen dreien, dass sie ursprünglichen im Rahmen des #WirVsVirus-Hackathons der Bundesregierung entstanden sind. Hierbei handelte es sich um eine virtuell stattfindende Veranstaltung an einem Wochenende im März, bei der im Schnellverfahren Ideen und Konzepte zur Bekämpfung der Coronakrise entwickelt wurden.

Vielversprechende Projekte aus diesem Hackathon werden mittlerweile im sogenannten Umsetzungsprogramm weiter gefördert, – so auch die oben genannten Plattformen.

Aus studentischer Hand: match4healthcare

Aus einer Initiative von Medizinstudierenden ist die Plattform match4healthcare hervorgegangen. Auch diese ist kostenlos zu nutzen und vermittelt eine diverse Palette an Helferinnen und Helfern mit und ohne Vorkenntnisse an ein breites Spektrum von Einrichtungen, von Krankenhaus und Pflegeheim über Gesundheitsämter bis hin zu Laboren und Apotheken. Eine Übersichtskarte zeigt, wie viele (anonymisierte) Freiwillige in einer bestimmten Region zur Verfügung stehen.

Die Freiwilligen können neben zahlreichen anderen Details zu Ausbildung und Tätigkeit auch angeben, ob für sie eine unbezahlte Tätigkeit in Frage kommt. Zudem besteht die Möglichkeit, die Einrichtung um das Stellen einer Unterkunft zu bitten.

Im Gesundheitswesen und darüber hinaus: Voluntero und connected health

Ähnlich divers sind die Zielgruppen von Voluntero – auch hier kommen neben ausgebildeten Fachkräften auch fachfremde Freiwillige zum Zug. Voluntero ist dabei Teil einer Suite aus mehreren Plattformen einer Initiative namens connected health, die aus dem #WirVsVirus-Hackathon hervorgegangen ist.

Zu den weiteren Plattformen von connected health zählen karmakurier, eine App für Nachbarschaftshilfe, sowie we.help und HelpOnSpot, die Freiwillige nicht nur an Einrichtungen im Gesundheitswesen, sondern auch an Vereine und gemeinnützige Organisationen vermittelt.

Pflegesterne und #pflegereserve

Einen weitaus deutlicheren Fokus auf die Medizin- und Pflegeberufe hat die Plattform Pflegesterne, ansässig in Bochum. Vermittelt werden Menschen mit abgeschlossener Ausbildung im Gesundheitsbereich – Pflegekräfte und Pflegehilfskräfte sowie MFAs, MTAs, LTAs, RTAs und Therapeut*innen – an Krankenhäuser und ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen.

Interessierte Pflegekräfte können neben ihrer Ausbildung auch angeben, für welche Tätigkeiten sie sich interessieren und für welchen zeitlichen Umfang der Tätigkeit sie zur Verfügung stehen. Für sie und auch für die suchenden Einrichtungen ist die Nutzung der Plattform zurzeit (Stand: Juli 2020) kostenfrei.

Die vertragliche Ausgestaltung der Zusammenarbeit – als Minijob oder sozialversicherungspflichtige Anstellung – bleibt eine Sache zwischen Einrichtung und Fachkraft.

Außerhalb des Hackathons entstanden ist die Plattform #pflegereserve, die den Pflegesternen recht ähnlich ist und sich ebenfalls ausdrücklich nur an ausgebildete Pflegefachpersonen wendet – konkret an Gesundheits- und Krankenpfleger*innen, Altenpfleger*innen, Kinderkrankenpfleger*innen, Kranken- und Altenpflegehelfer*innen sowie Hauswirtschafts- und Betreuungskräfte. Unbezahlte Einsätze sind auch hier nicht vorgesehen, die Details vereinbart die Fachkraft mit der Einrichtung selbst.

Nach der Vermittlung: Onboarding und E-Learning

Wie geht es nach der erfolgreichen Vermittlung weiter? Der erste Einsatz ist für neue Pflegekräfte, auch außerhalb der Pandemie, oft von Unklarheit und Überforderung geprägt. Hier setzt ClinicBuddy an: Die App bietet ein sogenanntes Onboarding für neue Fachkräfte an, also eine strukturierte Einführung und Einarbeitung. Überforderung soll vermieden und die Patientensicherheit verbessert werden. Auch ein Mentoring neuer Mitarbeiter*innen sowie ein – auf Wunsch anonymisierter – Feedbackkanal sind Teil der Plattform.

Auch nach der ersten Einarbeitung bleibt die Fortbildung der Mitarbeiter*innen ein wichtiger Baustein der Personalstrategie. Wie ClinicBuddy und andere erkannt haben, kommt dabei in Pandemiezeiten dem E-Learning eine noch wichtigere Rolle als bisher zu: Wo Präsenzveranstaltungen unnötige Risiken mit sich bringen, sorgen Online-Kurse für sichere und flexible Alternativen.

Dr. Christina Czeschik

Dr. Christina Czeschik ist Ärztin und Medizininformatikerin sowie Beraterin und Fachautorin für Digitalisierung im Gesundheitswesen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher und zahlreicher Artikel zu den Themen Informatik und Informationssicherheit in der Medizin.

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