Von und | 22. Mai 2020

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Wie sieht der (Pflege-)Alltag für Menschen mit dementiellen Erkrankungen in Zeiten von Corona aus? Wir haben recherchiert und mit Menschen gesprochen, die in einer Tagespflegeeinrichtung und einem Hospiz in Berlin sowie in einem Seniorenzentrum in der Nähe von München arbeiten.

Dieser Artikel und das dazugehörige Webinar zeigen auf, wie Corona das Leben für Pflegende und Demenzkranke auf den Kopf gestellt hat und welche (Zwischen-)Lösungen sie gefunden haben. Darüber hinaus bieten wir Ihnen ein buntes Potpourri an Anregungen, Inspirationen und Impulsen, wie Sie die Situation für sich und die Bewohner besser gestalten können.

Demenzkranke brauchen Routine und vertraute Gesichter

Corona hat unser aller Leben von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt. Das fordert uns alle heraus und belastet uns. Für Menschen mit Demenz, die die Situation meist nicht verstehen und nachvollziehen können, sind die Auswirkungen oft noch belastender. Denn sie brauchen Routine und vertraute Gesichter – doch Covid-19 hat gerade dies verändert.

Der Pflegealltag ist für Demenzkranke und ihre Pfleger aufgrund der Corona-Verordnungen (z. B. für Berlin) ein ganz anderer geworden: „Nehmen Sie die Maske ab!“, ruft ein Bewohner verschreckt. Denn die Menschen, die vertraut sind, halten plötzlich nicht nur Abstand. Sie tragen Masken, die das Gesicht bedecken. Die eine oder andere Pflegekraft fragt sich: „Was darf ich, was darf ich nicht?“, während eine Frau die neuen Regeln vergisst und sich eine Pflegerin schnappt und umarmt. Verwandte kommen von heute auf morgen nicht mehr oder seltener. All die unermüdlichen Erklärungen, warum das so ist, können nicht verhindern, dass ein Demenzkranker z. B. glaubt, dass seine Frau gestorben ist. Ein Besuch von ihr am Zaun kann ihn zum Glück beruhigen.

Wie verschiedene Einrichtungen die Vorschriften zum Schutz dieser besonderen Risikogruppe umsetzen konnten und/oder mussten ist durchaus unterschiedlich – so auch bei den von uns Befragten zum Zeitpunkt des Interviews Ende April: Die Tagespflege schloss am 19. März, das Hospiz passte die Regularien mehrmals an und das Seniorenzentrum lässt keine Menschen mehr herein – auch nicht den Postboten. Menschen mit Demenz verstehen nicht, was da vor sich geht. Doch sie fühlen sehr deutlich, dass etwas nicht stimmt und sie wollen das zurückhaben, was ihnen vertraut war.

 

Wie viele betroffen sind

In Deutschland gibt es rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Die meisten von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Die Zahl der Demenzkranken nimmt kontinuierlich zu. Ungefähr ein Drittel von ihnen lebt in – auf dieses Krankheitsbild spezialisierten – Einrichtungen und zwei Drittel von ihnen werden Zuhause von den Angehörigen gepflegt – z. T. mit Unterstützung eines Pflegedienstes oder einer Tagespflege. Und letztere sind fast alle geschlossen – bis auf Not-Tagespflegestellen, die für Menschen in systemrelevanten Berufen Plätze offenhalten.

 

Was keiner erleben will – Corona-Ausbruch in Alten- und Pflegeheimen

Wie schwierig und fragil es ist, die Bewohner vor einer Ansteckung mit Covid-19 zu schützen, wird angesichts der Nachrichten über den Ausbruch im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg oder in einer Seniorenwohnanlage in Berlin-Lichtenberg deutlich. So hatten sich im erstgenannten Pflegeheim im März, wie der NDR berichtete, rund die Hälfte der Bewohner angesteckt – mehr als 40 von ihnen starben. Ende April waren im Seniorenheim Lichtenberg-Fennpful laut ntv 186 Bewohner und 98 Mitarbeiter an Corona erkrankt – 38 Menschen sind gestorben. Dieser Gefahr sind sich die Pflegekräfte und Leiter der Einrichtungen sehr bewusst und sie bestimmt ihre Überlegungen und Entscheidungen:

„Ich weiß gar nicht, was ich mir wünschen soll“, erzählte uns Imke H-G., Leiterin einer Tagespflegeeinrichtung in Berlin. „Also, wenn wir öffnen, das ist schon ein großes Risiko. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sich der Erste dann tatsächlich infiziert.“

Und Heike M., die in einem Seniorenzentrum nahe von München arbeitet, formuliert es so: „Wir sitzen auf einem Pulverfass, das jederzeit losgehen könnte. Wir sind super vorbereitet, wir können innerhalb von zwei Stunden eine Corona Einheit einrichten. Doch wir wissen, dass Menschen sterben können und das schwingt immer mit – diese Unberechenbarkeit.“

 

Corona hat von jetzt auf gleich eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen:

  • Was können Pflegende tun, damit dementiell Erkrankte die Situation möglichst gut verstehen, überstehen und einigermaßen gut damit klarkommen?
  • Wie kann Kontakt mit Angehörigen in Zeiten von Besuchseinschränkungen aussehen?
  • Wie ist den Dementiellen konkret zu helfen, wenn sie ängstlich und unsicher sind, weil sie (immer wieder neu) nicht verstehen können, warum z. B. „Maskenmenschen“ um sie herum sind, alle anderen so unruhig sind…
  • Wie können Abstandsregeln im Pflegealltag umgesetzt werden?
  • Was brauchen die Pflegenden, damit sie selbst gut durch diese Zeiten kommen und für die dementiell Erkrankten gut, effektiv und trotzdem persönlich da sein können?

 

Was also tun?

Covid-19 beschert den Einrichtungen, die dementiell Erkrankte behandeln, eine besondere Situation. Eine Situation, die viele Fragen und Ängste aufwirft. Eine Situation, von der niemand weiß, wie lange sie anhalten wird. Eine Situation, in der es einerseits keine einfachen und schnellen Lösungen gibt; Lösungen für Herausforderungen und Probleme werden andererseits so dringend jeden Tag gebraucht. Eine Situation mit viel Unsicherheit und Ungewissheit also überall, die Pflegende zusätzlich sehr beansprucht und die Menschen mit Demenz überfordert.

Die Krankenpflegerin Karin H. beschreibt die Herausforderungen seit Corona so:

„Es sind gar nicht so viele Gäste da, aber es ist stressiger, weil viel mehr Bewegung in den Krankheitsbildern ist. Das zeigt sich ganz deutlich. Und die Menschen sind auch deutlich emotionaler. Weil wir das auch sind und sich das System darin spiegelt. Die Dienste sind stressiger, auch die Nachtdienste und das bedeutet eben – alles wird mehr. Es gibt mehr Klingeln, mehr Unsicherheit, was getan werden soll, es gibt mehr Schmerzen, Atemnot, Übelkeit – alles, was man an Symptomen kennt. Und wir rennen dann mehr rum und dann schaukelt sich das so ein bisschen hoch.“

Doch in manchen Fällen scheint sich der Umgang mit Covid-19 auch – nach einer Zeit der wichtigen Entscheidungen und Umstrukturierungen – sich zum Positiven gewendet zu haben. So erzählt Heike N., deren Seniorenzentrum keine Menschen mehr von draußen hineinlässt: „Es ist ruhiger geworden. Wir sind mehr und mehr zusammengewachsen, wir tauschen uns stärker aus. Wir sind Stück für Stück eine Gemeinschaft geworden – alle, die hier wohnen und arbeiten. Es ist wie eine Insel. Wir haben jetzt auch mehr Treffen und Austausch – wir essen zusammen Mittag, treffen uns öfter zum fachlichen Austausch und es gibt Gesprächsangebote für Mitarbeiter, die dies wünschen oder brauchen.“

Was ist möglich?

Was ist möglich, wenn alles anders und beängstigend ist? In den Gesprächen mit Imke H-G., Karin H. und Heike N. haben wir dies ausgeleuchtet: Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Einrichtungen und die Menschen, die dort arbeiten, derzeit konkret? Und welche Wege und (Zwischen-)Lösungen haben sie gefunden? Wir zeigen diese sowie weitere Ideen, Impulse und kreative Interventionen auf, die zum einen vielleicht den Pflegenden selbst helfen, zum anderen aber die Situation für die Bewohner oder Patienten mit Demenz erleichtern können. Die Antworten und Anregungen finden Sie im gleichnamigen Webinar.

Hier werden wir uns das große Fragezeichen, das jetzt überall vorherrscht, genauer anschauen: Was bewirkt diese große Unsicherheit und Unwägbarkeit? Es wird um die eigene Haltung als Pflegekraft gehen und wie sie derzeit vielleicht neu zu überprüfen ist. Wir fragen, wie es ihnen selbst geht und was sie für sich tun können, um dann den Blick auf die dementiell erkrankten Bewohner zu richten: Wie erklären, was oft nicht verstanden und auch nicht gemerkt wird? Wie kann der Kontakt zu Angehörigen im Rahmen der Vorschriften (neu) gestaltet werden? Uns interessiert, wie Bewohner aufgefangen, beruhigt und gestärkt werden können. Oder wie Nähe hergestellt werden kann, wenn Abstand halten angesagt ist. Zuletzt geht es darum, ob es auch positive Entwicklungen gibt oder was – aus Sicht der Befragten – diesen helfen könnte.

 

Das Webinar zu diesem Blogartikel finden Sie hier: www.reliaslearning.de/thema/hygiene-corona-kurse

Susanne Diehm

Susanne Diehm ist Autorin und Bloggerin, Master of Creative and Biographical Writing, Kunst- und Kreativitätstherapeutin. Sie ist auf Initiative von Prof. Dr. Jalid Sehouli mit Schreibprogrammen zur Gesundheit an der Frauenklinik der Charité aktiv. Ihr Buch "Mit Schreiben zu neuer Lebenskraft" ist beim Kösel-Verlag erschienen. Darüber hinaus berät sie Kliniken, Rehas und andere Organisationen, wie sie das Schreiben als wirksames Instrument zur Gesundheitsförderung einsetzen können. An der Psychiatrie der Charité erhält sie die Förderung des Gesundheitsfonds für ein Konzept zur Entlastung und Stärkung von Mitarbeitern in der Pflege. In der Vorstandsarbeit der Europäischen Künstlergilde für Medizin und Kultur setzt sie sich für eine ganzheitliche Medizin ein.

Dorothea Lüdke

Dorothea Lüdke ist Autorin, Schreibcoach, Kunst- und Kreativtherapeutin. Zudem verbindet sie Coaching kreativ mit Yoga und Tanz, humorvoll und leicht – auch als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Im Schreibcoaching-Salon Schöneberg in Berlin bietet sie künstlerisch-kreative Einzelcoachings und Gruppenevents für Menschen in Wandlungsprozessen an. An der Psychiatrie der Charité erhält sie – zusammen mit Susanne Diehm – eine Förderung des Gesundheitsfonds für eine monatlich stattfindende Workshopreihe zur Entlastung und Stärkung von Pflegenden. In der Europäischen Künstlergilde für Medizin und Kultur (www.eukmk.eu) engagiert sie sich für den verstärkten Einsatz Künstlerischer Therapien als wichtigen Beitrag für Gesundheit und Wohlbefinden. Ehrenamtlich arbeitet sie als Sterbebegleiterin im Hospiz Schöneberg-Steglitz.

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